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Blog Zukunft Soziale Marktwirtschaft






Die Geldpolitik ist nicht ultralocker                       Blog 12 – Mai 2016

Zuletzt kritisierte Matthias Fischbach an dieser Stelle (Blog 11, April 2016) die angeblich zu lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Deren Zinssenkungen regten die Banken dazu an, risikoreichere Kredite zu vergeben als geboten. Nicht nur ist diese Wertung den Tatsachen nicht angemessen, auch die ökonomischen Zusammenhänge sind wesentlich komplizierter. Diese korrekt zu erfassen ist freilich unabdingbar, wenn es darum gehen soll, die Funktionsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft zu erhalten.

Die Geldpolitik ist gegenwärtig durchaus nicht ultralocker; die Klage über die niedrigen Realzinsen als Ergebnis einer übermäßig lockeren und mithin expansiv wirkenden Geldpolitik geht ins Leere. Die gegenwärtigen niedrigen Zinsen sind das natürliche Spiegelbild der schlechten wirtschaftlichen Aussichten seit der internationalen Finanzkrise. Schon vor mehr als fünfzig Jahren haben Milton Friedman und Anna Schwartz in ihrem Buch „A Monetary History of the United States, 1867-1960” gezeigt, dass niedrige Zinsen vor allem in Rezessionsphasen als spontanes Marktgleichgewicht auftreten. Eine solche Phase haben wir nach 1929 erlebt, in den Siebzigern und nun seit 2007*.

Die Fehlinterpretation der niedrigen Realzinsen als Ergebnis einer lockeren Geldpolitik hängt wohl vorrangig mit einer Verwechselung dessen zusammen, was die Zentralbank direkt steuert und worauf sie allenfalls indirekten Einfluss hat. Direkten Einfluss nimmt sie nur auf den Wert des Geldes. Dieser ist durch das Preisniveau bzw. dessen Veränderung (Inflation, Deflation) bestimmt. Hierauf wirkt die Zentralbank ein, indem sie mit dem Leitzins und anderen Instrumenten die Geldmenge steuert. Der Zins hingegen ist der Preis für Kredit; als solcher ergibt er sich je nach Marktgleichgewicht aus dem Angebot und der Nachfrage nach zeitweiser Überlassung von Liquidität. Er folgt damit vor allem den Erwartungen. Bei günstigen wirtschaftlichen Aussichten ist die Nachfrage tendenziell groß, da die Kreditnehmer erwarten, ihre Gewinne steigern zu können und später problemlos in der Lage zu sein, ihre Schulden abzuzahlen. Nachfragegetrieben steigen die Zinsen. Wenn die Aussichten ungünstig sind, schrumpft die Nachfrage, und die Zinsen sinken. Das beschreibt die gegenwärtige Lage. Das Problem sind die schlechten Aussichten.

Und diese Aussichten hellen sich auch gerade deshalb nicht auf, weil die Geldpolitik der schlechten wirtschaftlichen Aussichten seit der Krise eben nicht locker ist. Im Ergebnis ist sie vielmehr neutral oder sogar gesamtwirtschaftlich kontraktiv: Heute liegt das nominale BIP der Eurozone weit unter dem Vorkrisentrend, die Inflation und, viel wichtiger, die Inflationserwartungen sind niedrig**. Dass die EZB die Leitzinsen bis auf Null gesenkt und ein „Quantitative-Easing“-Programm (QE) nach dem anderen gefahren hat, ändert an dieser Einstufung nichts. Wenn in einer Krise die Geldnachfrage steigt, weil die Akteure sichere Anlagen bevorzugen, muss die Zentralbank sich daran anpassen und den Leitzins senken. Erst wenn sie das Ausmaß dieser Anpassung übertreibt, wird sie expansiv.

Wenn sich die Zentralbank nicht anpasst, „parken“ die Banken ihr Geld bei ihr und erzielen schon deshalb Gewinne, weil die Zentralbankzinsen über dem Marktzins liegen. Trotz des Gegensteuerns der EZB ist freilich genau das geschehen: Die Überschussreserven der Banken bei der Zentralbank sind seit 2012 extrem gewachsen. Auch die QE-Programme haben sich nicht expansiv ausgewirkt. Bis Anfang 2015 betrieb die EZB ohnehin nur ein „Credit easing”: Sie kaufte zwar Kredite auf, neutralisierte jedoch die damit verbundenen Geldmengeneffekte größtenteils wieder. Ein Gegensteuern darf ruhig beherzter aussehen.


* Die siebziger Jahre sind dabei insofern ein besonderer Fall, als zwar die Nominalzinsen – inflationsbedingt – hoch waren, die Realzinsen hingegen wie auch in den anderen Rezessionsphasen niedrig.

** Vgl. http://www.themoneyillusion.com/?p=18161;
https://thefaintofheart.wordpress.com/2012/12/11/what%C2%B4s-really-bleeding-europe/
;
https://marketmonetarist.com/2012/05/14/failed-monetary-policy-the-one-graph-version/

   




Von Nikolas Haring, Jg.1994 · Student der Ökonomie und Mathematik und studentische Hilfskraft bei Prometheus - Das Freiheitsinstitut 




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