Projekt Kultur und Wirtschaft

Wer deutsche Tages- oder Wochenzeitungen regelmäßig liest, Fernseh- und auch Hörfunkprogramme aufmerksam verfolgt, moderne Literatur nicht ausspart, muß den Eindruck gewinnen, daß die Welten von Kultur und Wirtschaft nicht nur meilenweit auseinander liegen, sondern daß sie auch keine Notiz voneinander zu nehmen scheinen. Wenn doch, dann gibt die Wirtschaft bloß die negative Folie ab: sei’s in Form geld- und machtgieriger Unternehmer, die buchstäblich über Leichen gehen, oder in Form skrupelloser Umweltvergifter. Blättert man moderne ökonomische Lehrbücher durch, so gleichen sie immer mehr wie ein Ei dem anderen, gleichgültig in welchem Land man sich befindet. Die Ökonomie scheint auf das Rechen- und Formelhafte geschrumpft, kulturelle Eigenheiten sind verdampft – bei entsprechender Verarmung und Verengung des ökonomischen Kosmos.

Die Initiative, dass die Zwei Königskinder nicht am jeweiligen Ufer stehen bleiben, sondern sich durch den reißenden Fluß wagen sollen, ging 2007 von dem Germanisten Jürgen Wertheimer aus. Die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft hat daraufhin Vertreter verschiedener Disziplinen – Philosophie, Staatsrechtslehre, Germanistik, Ökonomie – zu einem Workshop “Kultur und Wirtschaft” auf die Insel Reichenau eingeladen, die – abseits gelegen und als Weltkulturerbe – für Abgeschiedenheit und Inspiration sorgen sollte. Das Ziel war nicht gegenseitige Belehrung, sondern Austausch und Gespräch, um herauszufinden, ob sich ein geeignetes Terrain für Begegnungen finden lasse und ob es tragfähig sei für weitere und größer angelegte Treffen und Konferenzen. Das locker begonnene Gespräch über die Disziplingrenzen hinweg war fruchtbar. Es zeigte sich, daß das jeweils betrachtete Phänomen von verschiedenen Seiten beleuchtet wurde. Die Gesprächsteilnehmer waren überrascht und fühlten sich bereichert, weil sie Neues kennenlernten und bisher Bekanntes in einem anderen Licht sahen.

Als Themen für weitere Gespräche kristallisierten sich heraus:

  • Globalisierung und Kultur(en) – Wahrnehmung, Vereinheitlichung und Differenz.
  • Wirtschaft in der Literatur - wie wird sie verstanden und beschrieben?
  • Das Verhältnis von Mäzenatentum/Sponsoring/öffentlichen Mitteln und Kultur: Ermöglichung, Steuerung, Domestizierung, Entmündigung oder Verdummun
  • Wirtschaft als integraler Bestandteil von Kultur oder Wirtschaft als Basis für Kultur (Stichwort: Balzacs Romane)
  • Zur Frage der imperialistischen Ökonomisierung von Kultur und Politik
  • Kultur der Aufklärung - Ökonomie als Hemmnis oder Katalysator?

Jürgen Wertheimer und Joachim Starbatty haben sich miteinander zu einer Konferenz über "Globalisierung und Kultur(en) – Wahrnehmung, Vereinheitlichung und Differenz" verabredet, die im Juli 2007 stattfand. Eingeladen wurden Journalisten aus Feuilleton, Wirtschaft und Politik, Fernsehleute, Politiker, Wissenschaftler, Literaten, Unternehmer und Manager aus den Ländern, die von der Globalisierung beeinflußt werden, aber auch auf sie einwirken.

Seit der Reichenau-Konferenz 2007 ist die gemeinsame Veranstaltung einer interdisziplinären Tagung in jedem Sommer zur Tradition geworden. Allein der Tagungsort ist variabel: Nach zwei Jahren auf der Reichenau wechselte der Konferenzort zum wunderschön am Comer See gelegenenen Deutsch Italienischen Zentrum "Villa Vigoni". 2012 hat die Konferenz in Isny im Allgäu stattgefunden.